„Was ich eigentlich wissen wollte...“

Tücken in der Übersetzung eignungsdiagnostischer Verfahren


Wer glaubt, eignungsdiagnostische Verfahren ließen sich Wort für Wort übersetzt in anderen Ländern einsetzen, der irrt. Der Übersetzungsprozess von Testverfahren hat wenig mit der literarischen Übersetzung eines Romans gemeinsam: Es geht in Testverfahren meist um einen einzigen Satz, der keinen weiteren Kontext mit sich bringt. Die Botschaft des Originals muss in der Übersetzung transportiert werden – mit derselben Emotionalität, Positivität oder Negativität. Nur so wird sichergestellt, dass eignungsdiagnostische Verfahren zu reliablen Ergebnissen führen – und Eignungsdiagnostiker das erfahren, was sie eigentlich wissen wollten.

Die Besonderheiten der Übersetzung eignungsdiagnostischer Verfahren

Weil sich nicht jedes Verfahren in jeder Kultur gleich anwenden lässt, müssen Eignungsdiagnostiker die Testverfahren an den jeweiligen kulturellen Kontext anpassen. Im anschließenden Übersetzungsprozess kommt es auf tückische sprachliche und kulturelle Besonderheiten an, die sowohl von Übersetzern als auch von Eignungsdiagnostikern beachtet werden sollten.


Der Satzbau bestimmt den Fokus

In eignungsdiagnostischen Testverfahren muss ein einziger Satz seine Bedeutung unmissverständlich entfalten können. Dafür spielt der Satzbau eine wesentliche Rolle:

Das, was im Satz vorne steht, bestimmt das Setting. Hinten steht dann, was passiert.

Beispielsweise „An einem langen Arbeitstag bin ich abends auch müde“ sagt etwas anderes aus als „Müde bin ich auch nach einem langen Arbeitstag“. Die zweite Variante ist viel genereller zu verstehen als die erste, die den Arbeitsbezug klarer herausstellt. Mit einem veränderten Satzbau kann es sein, dass Eignungsdiagnostiker nicht die Antwort erhalten, die sie eigentlich intendiert hatten. Dann liefert der Test keine reliablen Ergebnisse. Kann der Satzbau in einer anderen Sprache nicht so widergespiegelt werden wie im Original, müssen Übersetzer abwägen, ob sie durch die Ergänzung eines anderes Wortes die gewollte Bedeutung zuschreiben können.


Die Macht der kleinen Worte: Emotionalität, Positivität und Negativität in eignungsdiagnostischen Verfahren

Beim Ergänzen der vermeintlich kleinen Worte ist allerdings Vorsicht geboten: Testanwender nehmen die Aussage „Ich stehe gerne im Mittelpunkt“ unterschiedlich emotional sowie positiv bzw. negativ wahr. An dieser Stelle ist die Interpretationsfreiheit beabsichtigt. Bei der Übersetzung kommt es darauf an, dass die Emotionalität, Positivität bzw. Negativität im Urspungsmaß erhalten bleibt: Wird beispielsweise das Wort „grundsätzlich“ ergänzt, bekommt die Aussage eine eindeutig negative Konnotation: „Ich stehe grundsätzlich gerne im Mittelpunkt“.

Die wesentliche Herausforderung des Übersetzungsprozesses besteht darin, Aussagen bedeutungsgleich in der anderen Sprache wiederzugeben.

Oftmals sind es Adverbien, die die Übersetzung erschweren: Was genau drückt ein Satz in einem eignungsdiagnostischen Testverfahren aus, wenn „manchmal, immer, meistens, auch, sogar“ ergänzt werden? Sie bringen etwas Bestimmtes zum Ausdruck – was auch in der Zielsprache vermittelt werden muss. „Ich habe auch Spaß bei der Arbeit“ sagt aus, dass die Arbeit nicht immer Spaß macht, aber sie einem gefällt. „Ich habe Spaß bei der Arbeit“ transportiert eine allgemeinere und positivere Botschaft. Bei dem Wort „auch“ muss also nicht nur das Wort an sich, sondern vor allem die Werthaltung des Worts übersetzt werden.


Die Satzlänge bestimmt die Komplexität der Verfahren

Nach Möglichkeit sollen die Satzlängen der Originalversion erhalten bleiben. Nur wenn ein Satz aus ähnlich vielen Wörtern besteht, ist die Komplexität des Originals vergleichbar. In anderen Sprachen kann es aber vorkommen, dass bestimmte Ausdrücke nicht existieren. Beispielsweise gibt es das Wort „Bewerbung“ nicht im Ungarischen. In solchen Fällen müssen Übersetzer eine Lösung finden, was stattdessen im Ungarischen dafür gebraucht wird – oder wie sie das Wort umschreiben können. Der Satz muss dieselbe Botschaft transportieren – und dabei soll ein 5-Wort-Satz kein 20-Wort-Satz werden. Wichtig ist außerdem, dass sich der Text für Anwender nicht übersetzt und fremdartig anfühlt. Ansonsten werden sie vom Wesentlichen, nämlich der Testbearbeitung, abgelenkt.

Wo die Übersetzung eignungsdiagnostischer Verfahren anfängt

Wird ein neues Testverfahren entwickelt oder ein bestehendes überarbeitet, wird bereits in diesem Stadium bedacht, dass es möglicherweise in andere Kultur- und Sprachräume übertragen wird. Kognitive Verfahren funktionieren mit wenig bis keiner Sprache – und umschiffen größtenteils die Herausforderung einer späteren Übersetzung. Testverfahren, die die Persönlichkeit erfassen, funktionieren allerdings nur mit Sprache und müssen mit gleicher Aussagekraft übersetzt werden. Um den Übersetzungsprozess zu vereinfachen, sollten bei der Entwicklung folgende Aspekte mitbedacht werden:

  • Eine klare und verständliche Sprache vereinfacht es, Testverfahren in andere Sprachen zu übertragen.
  • Testverfahren werden nicht nur auf deutsch, sondern mit dem Weitblick entwickelt, dass sie auch in anderen Sprach- und Kulturräumen funktionieren:

  • Testverfahren funktionieren frei von Kulturreferenzen: Generell können eignungsdiagnostische Verfahren auf Storylines mit Referenzen der westlichen Kultur verzichten. „Weihnachtsgeld“ ist beispielsweise zwar in andere Sprachen übersetzbar, ruft in Anwendern aus anderen Kulturen aber gegebenenfalls ein Fremdheitsgefühl hervor.
  • Testverfahren funktionieren in den meisten Fällen frei von Bildungswissen: Wissensfragen, die in der deutschen Bildungshistorie verwurzelt sind, werden nicht übersetzt. In der Testentwicklung werden also zum Beispiel Wissensfragen zu Hauptschul-, schulischem Mathe- oder Deutschwissen ausgelassen.

 

Warum der Standardprozess bei der Übersetzung eignungsdiagnostischer Verfahren nicht ausreicht

Die 5 Schritte im standardmäßigen Übersetzungsprozess

Die Standardübersetzung eignungsdiagnostischer Verfahren sieht die Hin- und Rückübersetzung vor

Schritt 1: Die Originalsprache wird von einem Übersetzer, der Muttersprachler der Zielsprache ist, übersetzt. (Zum Beispiel wird ein deutsches Testverfahren ins Polnische übersetzt.)

Schritt 2: 
Das übersetzte Testverfahren wird von einem zweiten Übersetzer lektoriert. (Die polnische Version wird lektoriert.)

Schritt 3: 
Die übersetzte Version wird in die Originalsprache rückübersetzt. (Die polnische Version wird zurück ins Deutsche übersetzt.)

Schritt 4: 
Die zurück übersetzte Version wird mit dem Original abgeglichen um zu prüfen, ob Formulierungen, Aussagen, Emotionalität, Positivität bzw. Negativität gleich geblieben sind. (Die deutsche Rückübersetzung wird mit der deutschen Originalfassung abgeglichen.)

Schritt 5: 
Abweichungen werden angemerkt, mit den Übersetzern diskutiert und gegebenenfalls angepasst.

Der Bewertungsschlüssel bei diesem Vorgehen ist im Wesentlichen, ob in der Rückübersetzung letztendlich dasselbe steht wie in der Originalversion. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass eine 1-zu-1-Übersetzung gefordert wird. Problematisch ist vor allem das Übersetzen von Idiomen: Wird diese eigentümliche Sprechweise Wort für Wort in die Fremdsprache übersetzt, nehmen Testanwender die Formulierung als fremd wahr. Sie liest sich holprig und ist nicht intuitiv zu beantworten. Das macht die Beantwortung der Frage komplexer und kostet die Teilnehmer mehr Zeit als in der Originalversion. Das deutsche Idiom „einen guten Draht zu Menschen haben“ kann nicht 1-zu-1 in eine andere Sprache gebracht werden. Übersetzer müssen eine adäquate Formulierung mit derselben Aussage finden, wie zum Beispiel „Gesprächsthemen mit anderen Menschen finden“. Im Standardprozess kommt die Rückübersetzung allerdings nicht zum Original – und wird abgelehnt. Somit kann der Standardprozess keine reliable Übersetzung eignungsdiagnostischer Verfahren sein.


Wie wir bei HR Diagnostics unsere Testverfahren übersetzen

Weil uns die verlässliche Übersetzung unserer Verfahren am Herzen liegt, haben wir ein Vorgehen entwickelt, das über den Standardprozess hinausgeht. Bis auf wenige Ausnahmen sind all unsere Testverfahren in deutscher sowie englischer Sprache verfügbar, die zusammen entwickelt werden. Exotische Sprachen wie Malaiisch oder auch Chinesisch werden aus der englischen Variante heraus von einem Übersetzungsbüro mit zwei Übersetzern in die Zielsprache überführt und lektoriert, wie beim Standardverfahren auch (Schritt 1 und 2). HR Diagnostics prüft bei allen Sprachen, ob die übersetzte Textmenge in etwa dem Original entspricht. Daraufhin folgt die Zusammenarbeit mit einem freien, zertifizierten Übersetzer. In diesem Prozess sind also drei Übersetzer involviert, die Muttersprachler der Zielsprache sind. Dieser zusätzliche Übersetzer wird vor Ort eingeladen, um gemeinsam mit uns die Übersetzung zu diskutieren. Er erhält eine Testansicht mit formalem Aufbau, Bildern und grafischer Gestaltung, sodass ein möglichst realer Eindruck des Verfahrens aus Sicht eines potenziellen Testteilnehmers erzeugt wird. Nur so kann sichergestellt werden, dass der Übersetzer vor Ort nachvollziehen kann, ob bei der Testinstruktion beispielsweise ein ‘Raster’, eine ‘Tafel’ oder eine ‘Matrix’ die beste Umschreibung wäre. Ihm liegen dann die Originaldateien (Deutsch/Englisch) parallel zur Übersetzung der Zielsprache vor. Besonders im Bereich der Persönlichkeitstests arbeitet der Übersetzer eng mit einem Psychologen zusammen.

Gemeinsam prüfen sie,

  • ob die ursprüngliche Aussage erhalten geblieben ist.
  • ob die Übersetzung intuitiv verständlich ist.
  • ob das Verfahren gleich schwierig bzw. leicht ist wie im Original.
  • ob die Übersetzung gleich emotional und positiv bzw. negativ ist.
  • wie konsistent Begriffe in der Übersetzung verwendet werden.


Zu zweit vergleichen sie jedes ursprüngliche Item mit dem übersetzten. Sie diskutieren, ob es dasselbe erfasst und wie es in der Zielsprache formulierbar ist. Da die Bedeutung der Aussagen im persönlichen Gespräch reflektiert und erwartete Antworten geäußert werden, wird die bestpassende Formulierung gesucht und gefunden – und so erhalten Eignungsdiagnostiker am Ende zuverlässige Testergebnisse. Selbst wenn bestimmte Formulierungen anders als im Original klingen, transportieren sie dieselben Aussagen. Und das ist wichtiger als eine Wort-für-Wort-Übersetzung, die als fremdartig wahrgenommen – und im schlimmsten Fall nicht verstanden wird.


Die Zufriedenheit der Kunden spricht für unseren Übersetzungsprozess

Die einwandfreie Übersetzung unserer eignungsdiagnostischen Verfahren ist eine Herzensangelegenheit. Deshalb setzen wir auf den zusätzlichen Prozessschritt mit dem Übersetzer vor Ort. Der enge Austausch zwischen Psychologen und Übersetzern schafft es, dass die Übersetzung als originärer Text anerkannt wird. Denn erst, wenn die einwandfreie Übersetzung garantiert ist, erfahren Eignungsdiagnostiker, was sie eigentlich wissen wollten.


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